BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Menden

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Einspruch gegen den Rückbau der Eisenbahn-Infrastruktur im stillgelegten Abschnitt Hemer-Menden

8. August 2008

An das Eisenbahn-Bundesamt,

Betreff: Strecke 2850 (Letmathe-Fröndenberg)

Rückbau der Eisenbahn-Infrastruktur im stillgelegten Abschnitt Hemer-Menden

Bezug: Antrag der BD Netz AG vom 27.06.2008

Sehr geehrte Damen und Herren,

gegen den Rückbau der Schienen und weiteren Anlagen auf der Bahntrasse Menden-Hemer erheben wir Einspruch.

Die Zunahme des Güter- sowie des Individualverkehrs stellt sowohl im

Hinblick auf die begrenzte Kapazitäten wie auch die ausgegebenen

Klimaschutzziele eine gewaltige Herausforderung dar. Lokal und national

sind beträchtliche Anstrengungen nötig, um hier zukunftsfähige Lösungen

zu erreichen.

Im Güterverkehr wird bis 2020 eine Zunahme um 50% von 3,7 Mrd. auf 5,5

Mrd. Tonnen erwartet (Bundesverkehrsministerium, PM 305/2007). Noch im

Juli hat der Bundesverkehrsminister auf den dramatisch steigenden

LKW-Verkehr auf deutschen Straßen hingewiesen. Als Konsequenz hat die

Bundesregierung einen „Masterplan Güterverkehr und Logistik“

verabschiedet. Mit diesem soll deutlich mehr Verkehr auf

umweltfreundliche Verkehrsträger wie Schiene und Wasserstraße verlagert

werden. Dazu wurden die Mittel für den kombinierten Verkehr von derzeit

65 Mio. € pro Jahr auf 115 Mio. € aufgestockt

(Bundesverkehrsministerium, PM 198/2008).

Durch den Orkan Kyrill hatte unsere Region erhebliche Schäden zu

verzeichnen. Auf einen Schlag mussten allein im Märkischen Kreis 2,5

Mio. Festmeter Holz überregional vermarktet und schnellstmöglich

transportiert werden. Der Märkische Kreis schreibt in einer

Stellungnahme: „In Folge der Sturmkatastrophe „Kyrill“ rückte damit die

Bahn als Güterverkehrsmittel plötzlich wieder ins öffentliche

Bewusstsein. Deutlich wurde, dass die heimische Forstwirtschaft auf

eine funktionsfähige Bahn-Infrastruktur angewiesen ist.“ (Drucksache FD

60/7/732)

Da die DB Netz in den vergangenen Jahren nahezu alle

Verlademöglichkeiten in der Region aufgegeben hat, konnte die DB Netz

im gesamten Märkischen Kreis keinen geeigneten Verladebahnhof für das

Kyrill-Holz zur Verfügung stellen. Erst die Nutzung der geeigneten

Verladeanlagen in Hemer und die zeitweise Anpachtung und Reaktivierung

der Strecke für den Güterverkehr ermöglichte den Abtransport aus der

besonders betroffenen Stadt Hemer. (vgl. Drucksache FD 60/7/732)

Der Märkische Kreis zieht aus diesen Erfahrungen ein eindeutiges Fazit:

„Absehbar ist hingegen, dass nach einem Ende der Streckenpacht durch

die Stadt Hemer bei Ausbleiben weiterer Aktivitäten die Strecke

endgültig aufgeben werden dürfte. Damit gehen die letzten

Güterverlademöglichkeiten im weiten Umkreis unwiederbringlich

verloren.“ (Drucksache 60/7/810)

Das Sturmholz ist noch lange nicht vollständig abtransportiert, sodass

es einen Bedarf für Gütertransport auf dieser Strecke auch weiterhin

gibt. Nach unserem Informationsstand würde die Bocholter

Eisenbahngesellschaft die Strecke nutzen.

Der interkommunale Verkehrsentwicklungsplan der Städte

Hemer/Menden/Iserlohn aus dem Jahr 2004 (VEP) benennt als drängendesten

Mangel im Sektor öPNV: „Der Schienenverkehr, der im Bezug auf die

funktionale Hierarchie des öPNV als Rückgrat dienen sollte, übernimmt

im Wesentlichen die Anbindung der Städte Menden und Iserlohn an das

Umland; Verbindungsfunktionen innerhalb des Untersuchungsraumes werden

durch das vorhandene Schienenverkehrsangebot nur im geringen Umfang

wahrgenommen. Dies liegt vor allem daran, dass innerhalb des

Untersuchungsgebietes keine durchgehende Schienenstrecke betrieben

wird, die die drei Städte miteinander verbindet.“ Es „fehlt eine

zentrale leistungsfähige öPNV-Verbindung zwischen den drei Städten.“

Im Maßnahmenkatalog wird dann auch im Sektor öPNV für alle drei Städte

die Reaktivierung der Schienenverbindung zwischen Iserlohn-Hemer-Menden

an erster Stelle formuliert. Deren prinzipielle Machbarkeit wurde in

einer baulichen Studie im Jahr 2000 bereits nachgewiesen. Für den

Teilbereich Hemer wird deutlich benannt: „Zentrales Projekt zur

Verbesserung des öPNV in Hemer ist die Reaktivierung der

Schienenanbindung für den Personenverkehr. Aufgrund der Tatsache, dass

zwischen Hemer und Menden eine funktionsfähige Schienenverbindung

besteht, könnte die Wiedereinführung des Personenverkehrs auf dieser

Verbindung sogar mittelfristig erfolgen.“

Der VEP zeigt, dass die Pendlerströme zwischen den drei Städten Hemer

(60% Pendler in die beiden anderen Städte), Menden (27%) und Iserlohn

(40%) erheblich sind. Weitere Pendlerströme erfolgen insbesondere ins

östliche Ruhrgebiet. Dies bietet ein bedeutendes Potential für eine

Schienenverbindung zwischen den drei Städten.

Die Reaktivierung der Strecke zwischen Menden und Hemer würde die Stadt

Hemer wieder an das Schienennetz anbinden. Für die Zukunft wäre dann

auch eine Weiterführung der Strecke bis Iserlohn machbar. Damit würde

nicht nur der öPNV zwischen den drei Städten erheblich optimiert,

sondern für die Bewohner des Nordkreises auch ganz neue attraktive

Netzverbindungen in die Regionen Unna / Hagen / Südkreis MK geschaffen.

Zum Nachfragepotential wurde eine Modellrechnung durchgeführt, deren

Ergebnis der VEP wie folgt zusammenfasst: „Für eine Schienenverbindung

zwischen Iserlohn und Menden, die im 30-Minuten-Takt verkehrt und nach

Dortmund bzw. Unna weitergeführt wird, wurde ein Aufkommen von

insgesamt 4.200 Fahrgästen je Werktag ermittelt. Die maximale

Querschnittbelastung liegt auf dem Abschnitt Iserlohn – Hemer bei ca.

2.500 Fahrgästen und auf dem Abschnitt Hemer – Menden bei ca. 1.300

Fahrgästen werktäglich. Insgesamt können dadurch ca. 1.000 Neukunden

für den öPNV gewonnen werden.“

Der Märkische Kreis bemerkt dazu: „Die im Rahmen der Untersuchungen zum

Verkehrsentwicklungsplan der Städte Iserlohn, Hemer und Menden

ermittelten Fahrgastpotenziale lassen erkennen, dass – auch ohne

Durchbindung nach Iserlohn – ein gutes Nachfragepotenzial besteht.“ (FD

60/7/810)

Die Landesgartenschau wird im Jahr 2010 zu überregionalen

Besucherströmen nach Hemer und in die umliegenden Städte führen.

Darüber hinaus wird es in 2010 und auch in den Folgejahren aber auch

erhebliche regionale Verkehrsströme nach Hemer geben, da die Bewohner

der Nachbarstädte das Angebot der LGS sicher ebenfalls (und tw.

mehrfach) nutzen werden. Diese Chance könnte gut genutzt werden, um den

Personenverkehr auf der Strecke wieder zu installieren und eine breite

Akzeptanz weit über die Gruppe der Pendler und Schüler hinaus zu

erreichen. Für die Zeit der LGS hatte der ZRL Bereitschaft

signalisiert, in die Planung für einen Gartenschau-Express einzusteigen.

Sonderfahrten sind von der Bevölkerung unserer Region stets hervorragend angenommen worden.

öffentlich genannter Grund zur Aufgabe der Schienenverbindung ist der

Wunsch nach einem Radweg zwischen Menden und Hemer. Natürlich ist die

Anlage eines solchen Radwegs generell zu begrüßen. Dies darf aber nicht

auf Kosten der bestehenden Schienenverbindung geschehen. Der Radweg

wäre auch auf anderem Wege zu realisieren, z.B. parallel zur

bestehenden Bahntrasse.

Zuletzt möchten wir noch darauf hinweisen, dass es auch eine soziale

Komponente gibt. Bus und Bahn sind oft die einzige Fahrmöglichkeit für

diejenigen, die kein Auto fahren dürfen oder sich keines leisten

können. So sind vor allem Jugendliche, Senioren, einkommensschwache

Familien und Menschen in sozialer Not auf gute, zuverlässige, bequeme

und preiswerte öPNV-Verbindungen angewiesen.

Ein Abbau der Schienenverbindung zwischen Menden und Hemer widerspricht

aus den o.g. Gründen erheblich den Ansprüchen an eine zukunftsfähige,

soziale und nachhaltige Entwicklung der regionalen Verkehrspotentiale.

Die Reaktivierung der Strecke für den Personennahverkehr wäre nicht nur

sinnvoll, sondern auch rentabel machbar. Und auch wenn dafür derzeit

kein Betreiber zur Verfügung steht, so muss die Schiene als wichtiges

Entwicklungspotential für den regionalen öPNV erhalten bleiben, um

diese Möglichkeit für die Zukunft zu sichern!

Alle Untersuchungen und auch die aktuelle Situation zeigen ganz eindeutig einen Verkehrsbedarf auf der Strecke 2850.

Wir bitten Sie daher eindringlich, dem Abbau der Schienenanlagen auf der Strecke Menden-Hemer nicht zuzustimmen.

Peter Köhler

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